160. BB: "Lückenlose biografische Begleitung"

(10.07.2018)

Wie arbeitet eigentlich die Alte Feuerwache und was passiert dort genau?

Antworten auf diese Fragen bekamen die Teilnehmer des 160. Business Breakfast am 10. Juli 2018 direkt vor Ort.

Die Alte Feuerwache an der Gathe – vielen dürfte sie vor allem wegen des erfolgreichen Formats „talflimmern“ ein Begriff sein, dem Open-Air-Kino, das dort jeden Sommer für einige Wochen sein Zuhause findet. Was die Mitarbeiter der Alten Feuerwache eigentlich und vor allem machen, davon konnten sich die Gäste des 160. Business Breakfast am Dienstag, 10. Juli, ein Bild machen. Schnell wurde klar: Die Quartiersarbeit, die die Feuerwache seit inzwischen 27 Jahren am Standort leistet, ist nicht nur extrem wertvoll, sondern vor allem auch ganzheitlich und umfassend.

„Die Situation in Wuppertal ist angespannt und prekär“, stellte Jana-Sophia Ihle, pädagogische Leiterin, gleich zu Beginn ihres Vortrags klar. „Jedes dritte Kind wächst in Armut auf – wobei das nicht nur auf die monetäre Armut, sondern auch auf Bindungs- und Bildungsarmut bezogen ist.“ Hier hat sich die Alte Feuerwache als freier sozialer Träger das Ziel gesetzt, betroffenen Kindern und Familien eine lückenlose biografische Begleitung zu ermöglichen.

Wie die genau aussieht, zeigte Ihle gemeinsam mit ihren Mitarbeitern am fiktiven Beispiel des kleinen Sammy Müller, ein Fall, wie er in der täglichen Arbeit der Alten Feuerwache so oder so ähnlich oft vorkommt. Sammys Mutter lebt in der Nordstadt, Sammy ist ihr siebtes Kind mit dem sie gerade schwanger ist, der Mann Alkoholiker und gewalttätig, schlägt die Familie und sitzt derzeit im Gefängnis. Die traumatischen Erlebnisse in der Vergangenheit haben dazu geführt, dass Sammys Mutter nur schwer eine richtige Beziehung zu ihrem Kind aufbauen kann, sie lebt zurückgezogen, kämpft mit Depressionen.

„Hier beginnt unsere Arbeit durch die Familienhebamme, die Frau Müller bereits vor der Geburt für insgesamt ein Jahr betreut“, erklärt Ihle. Danach kommt die Hebamme selbst zu Wort – und erzählt, wie sie darauf achtet, was Sammys Mutter braucht und wie sie ihr hilft, sich auf die Situation neu einzustellen. „Die Mutter soll stolz auf ihr Baby sein, es zeigen wollen, rausgehen und Kontakte knüpfen.“

Weiter geht die Begleitung nach der Geburt im Café Kinderwagen, das vormittags für alle Frauen öffnet. Hier werden Beratung und Begleitung fortgesetzt, die Frauen werden vernetzt, Isolation wird vermieden. „Wir haben nicht nur ein offenes Ohr für alle Probleme, sondern gleichzeitig auch einen Blick auf die Gesundheit und Entwicklung der Kinder und Familien.“

Ist Sammy alt genug, kann er in den Kulturkindergarten gehen. Dessen Fokus liegt auf der emotionalen Sicherheit und bietet den Kindern eine Konstanz, die in dieser Form oft ihn ihrem Leben fehlt. Wichtig ist, dass Sammy hier mit seinen Ideen unterstützt wird. So erfährt er Selbstwirksamkeit und entwickelt eine intrinsische Motivation. Sie ist die Grundlage für späteres lernen. Aus dem Kindergarten entwachsen, hat Sammy die Möglichkeit, die 8samkeitsgruppe zu besuchen. Er geht jetzt zur Schule, kommt hierhin für ein Mittagessen und um mit anderen zusammen seine Hausaufgaben zu machen.

Im Fokus der Gruppe stehen allerdings spezielle Fördermaßnahmen wie die Teilnahme in der Zirkusgruppe, der Theatergruppe oder beim therapeutischen Reiten. Sammy lernt Verantwortung zu übernehmen, Verlässlichkeit, Sicherheit und soziale Kompetenzen. „Und auch als Jugendlicher bieten wir Sammy noch ein breites Angebot. In unserer Jugendgruppe wird gekocht, wir gehen mit Sammy ins Quartier, schauen uns an, wo er hingehen kann, wenn die Gruppe am Wochenende geschlossen hat.“ Auch Fragen zum möglichen Schulabschluss und zur beruflichen Zukunft werden angesprochen und geklärt. So wird Sammy Schritt für Schritt immer selbstständiger.

Natürlich kosten all diese Maßnahmen auch Geld – doch wie in vielen Fällen zeigt sich: Prävention ist günstiger als Reparatur. So kostet beispielsweise ein Heimplatz im Schnitt pro Jahr und Kind etwa 52.000 Euro. Ein Platz in der 8samkeitsgruppe hingegen liegt bei gerade einmal 4000 Euro pro Jahr und Kind. „Wenn wir es durch unsere Arbeit schaffen, einem Kind auf diese Weise zu helfen, dann hat sich der Aufwand schon gelohnt“, betonte Geschäftsführer Joachim Heiß zum Abschluss.